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Ausgabe 104 · 24. Februar 2021                     www.werder-life.de                                           Seite 9
              Dr. Baldur Martin wird Ehrenbürger der Stadt Werder (Havel)



        Forts. von Seite 1.     ryphäen der Gärtnerausbildung
        Sein Lebenslauf ist nicht unty- in der DDR. Unter anderem
        pisch für die Nachkriegsgenera- verfasste er  Unterrichtshilfen,
        tion: Dr. Baldur Martin stammt  arbeitete  an  einer  Unterrichts-
        aus dem erzgebirgischen Hei- methodik  der  Humboldt-Uni-
        dersdorf, sein Vater war dort  versität mit und organisierte
        Werkmeister in einer Lötlam- die Zentralen Leistungsverglei-
        penfabrik. Der Vater verstarb,  che der Gärtner-, Blumenbin-
        als der Sohn erst sieben Jahre  der- und Winzerlehrlinge. Als
        alt  war.  Seine  Mutter  musste  federführender Autor schrieb er
        arbeiten, so dass er einen Gut- mit zwei Kollegen das Lehrbuch
        teil seiner Kindheit in der Land- „Gärtnerische Grundlagen“, das
        wirtschaft seiner Großmutter  auch in der Bundesrepublik er-
        verbrachte.             schien.
        Der  Aufenthalt  in  einem  Luft- 1962 hatte seine mehr als vier-
        schutzbunker und die Bombar- zigjährige  Lehrertätigkeit und
        dierung des Dorfes, ein gelb be- unterrichtsorganisatorische
        kleideter  Gefangenentreck,  der  Arbeit in der Betriebsberufs-
        von  der  SS  durch  Heidersdorf  schule für Gartenbau in Werder
        getrieben wurde und schließ- begonnen,  die  seine  berufliche  gen, war und ist auch heute  dem Gymnasiumsbau oder der  gen die Konzeption des beein-
        lich der Einzug der Roten Ar- Heimat wurde. Seitdem lebt er  das Anliegen von Veröffentli- Ausweisung neuer Baugebiete  druckenden  Festumzuges,  der
        mee gehören zu seinen frühes- in der Blütenstadt, ist bis heute  chungen  Baldur  Martins,  die  mit – und brachte mit histori- von  hunderten  mitwirkenden
        ten Kindheitserinnerungen, die  mit den Obstbauern – ein Gut- jüngst erschienene Chronik der  schen Fakten oft Farbe in die  Werderanern gestaltet wurde,
        Spaltung Deutschlands war eine  teil frühere Lehrlinge von ihm  Baumblütenfeste ist dafür ein  Debatten. Ende der Neunzi- sowie die Festschrift zum Jubi-
        Zäsur. „Für meine Großmutter  – bestens vernetzt.   Beispiel. Er traf die Unterschei- gerjahre gründete er die Frei- läum.
        war Ulbricht genauso ein Lump  In den Werderschen, sagt Bal- dung zwischen Werderanern  en Bürger, die schnell zu einer  Der Verein setzte sich außerdem
        wie Hitler“, erinnert er sich.   dur Martin, hat er viel von der  und Werderschen, fand Beispie- wichtigen politischen Kraft in  das Ziel, die Stadtgeschichte in
        Er  teilte  zwar  die  in  der  jun- Mentalität  der  Menschen  in  le für ihren Fleiß und ihre Zä- der Region aufwuchsen. 2014  bislang nicht gekannter Voll-
        gen DDR verbreitete Losung  seiner erzgebirgischen Heimat  higkeit und recherchierte Sagen  beendete Dr. Martin sein kom- ständigkeit zu publizieren. Dr.
        „Nie wieder Krieg“, spürte aber  wiedergefunden: „Sie sind  bo- der Insulaner. Er hielt mehr als  munalpolitisches Wirken, um  Martin war einer der drei He-
        auch  die  Ungerechtigkeit  im  denständig und arbeiten hart,  500 Sprüche der Werderschen  sich der Vorbereitung des Stadt- rausgeber der Edition.  „Vor
        vermeintlichen Arbeiter- und  halten zusammen und lassen  fest wie diesen: „Der Gärtner,  jubiläums zuzuwenden.   allem ihm war es zu verdan-
        Bauernstaat. Im Juni 1953 sam- nichts auf die Familie kommen.“  der die Sonne meidet, wird we- Sein  Interesse  für  Werder  war  ken, dass 24 Autoren für die
        melte  er  Zeitungsausschnitte  Auch  der  Boden  sei  in  beiden  der reich noch braun.“   immer  breit  gestreut.  So  setze  anspruchsvolle Arbeit gewon-
        vom Volksaufstand, bei dem es,  Regionen anspruchsvoll in der  Er sprang durch die Zeiten und  er Akzente im Werderaner Kar- nen sowie darüber hinaus eine
        verbunden  u.a.  mit  der  Forde- Bearbeitung: steinig im Erzge- stellte 100 Jahre alte Fotos von  nevalsverein, war Gründungs- breite Mitwirkung vieler Bürger
        rung nach freien Wahlen und  birge, sandig in der Mark.   prägnanten Orten den heutigen  mitglied des Obst- und Garten- erreicht wurde“, schreiben der
        deutscher Einheit, zu einer Wel- Heimatgeschichtliches  Ansichten gegenüber.   bauvereins  und  beförderte  die  Vorsitzende des Heimatvereins,
        le von Streiks, Demonstratio- und politisches Wirken in                 Wiederbegründung der Schüt- Erhard Schulz, und der Stellver-
        nen und Protesten kam. Dessen  der Blütenstadt    Mit seiner Arbeit präg-  zengilde. Dank seiner Initiative  tretende Vorsitzende des Stadt-
        brutale Niederschlagung ließ in  So fühlte er sich in der Region   te und förderte er das   beteiligten sich die Werderaner  geschichtsvereins, Dr. Klaus-Pe-
        ihm den Entschluss reifen, Jura  schnell zu Hause. Und nicht nur   Geschichtsverständnis   am Bundeswettbewerb „Unsere  ter Meißner, in ihrem Vorschlag
        zu studieren.           das:  Er  identifizierte  sich  mit   vieler Einwohner und   Stadt blüht auf“, vor wenigen  zur Ehrenbürgerschaft.
        Als  er  stattdessen  in  eine  Offi- ihr.  Martin schrieb  sein  Geo-  wurde ihr wichtigster   Jahren stieß er den Wettbewerb  Und weiter: „Das Gesamtwerk,
        zierskarriere bei der Nationalen  grafie-Staatsexamen  zur  Sied-  Ansprechpartner, wenn   „Blühende Gartenstadt“ an.    das mit Erscheinen des Ban-
        Volksarmee gedrängt werden  lungsflächenentwicklung   von   historisches Wissen zur   Engagement für die Wer- des sieben im Jahr 2020 abge-
        sollte,  sah  er  sich  nach  einer  Werder. Die Inhalte bereitete er   Stadt gefragt war.   der-Chronik  schossen wurde, ist in gewisser
        Alternative abseits der Heimat  später für eine Artikelserie in         Baldur  Martin  ist  Gründungs- Weise einmalig in der Regio-
        um. Er verkündete, in den Wes- den Brandenburgischen Neues- Er animierte zahlreiche Werde- mitglied des Heimatvereins und  nalgeschichtsschreibung  und
        ten Berlins zu gehen. „1958 hat  ten Nachrichten auf, so begann  raner  zu  eigenen  Recherchen  war  viele  Jahre  dessen  Vorsit- darf durchaus als beispielhaft
        bei diesem Satz jeder gedacht,  und wuchs seine Liebe zur Hei- und Veröffentlichungen von  zender. „Immer war es seine  gewürdigt  werden.  Die  vollen-
        dass ich türme.“ Für ein Jura- matgeschichte.   Themen, die ihnen am Herzen  Verbindlichkeit, seine Zuverläs- dete Edition ist in diesem Sinne
        Studium kam er damit nicht  1981 gründete er mit Mitstrei- lagen.       sigkeit, seine Fähigkeit, andere  Höhepunkt des vielschichtigen
        mehr infrage.           tern die „Interessengemein- Auch  für  die  politische  Gegen- Menschen zu begeistern und  Lebenswerkes  von  Dr.  Baldur
        Der  Westen  Berlins  war  aller- schaft Heimatgeschichte und  wart seiner Stadt hat sich Bal- einzubinden und sein unglaub- Martin.“
        dings nicht Westberlin: Martin  Denkmalpflege“,  den  späteren  dur Martin immer interessiert.  liches Organisationstalent, die  „Traditionen zu wahren bedeu-
        begann eine Lehre als Baum- Heimatverein, stellte eine Aus- In der DDR trat er in die Bau- ihn, egal wo er auftauchte,  tet zuallererst, Traditionen zu
        schulgärtner in Ketzin, studierte  stellung auf die Beine und be- ernpartei ein, um dem Drängen  schnell in verantwortliche Po- kennen“,  wird  Baldur  Martin
        danach Russisch und Geografie  gann mit der Veröffentlichung  nach einem Eintritt in die SED  sitionen rücken ließ“, sagt Bür- in der Begründung des Ehren-
        im  Lehramt  für  eine  Lehrer- der  „Heimatgeschichtlichen zu  entrinnen,  und  engagierte  germeisterin Manuela Saß.  bürgerantrags zitiert. „Dieser
        laufbahn in der neuen Berufs- Beiträge“, die bis heute jährlich  sich zeitweise als Stadtverord- So war es auch 2013, als auf  Leitspruch hat das Wirken
        ausbildung mit Abitur. „Kombi- erscheinen  und  das  wichtigs- neter. Dieses Engagement setzte  Initiative Baldur Martins der  des  80-Jährigen  in  sechs  Jahr-
        nationen ohne Russisch gab es  te  Standbein  der  Werderaner  er nach der Wende fort – freilich  Verein „700 Jahre Ortsgeschich- zehnten seines Wirkens in der
        damals nicht.“ Er sattelte noch  Heimatforschung sind. Men- mit deutlich größeren Gestal- te  von  Werder  (Havel)  e.V.“  Blütenstadt geprägt und tut es
        ein Gartenbaustudium oben- schen, Orte und Ereignisse der  tungsspielräumen.  gegründet  wurde.  Er  wurde  auch heute“, sagt Manuela Saß.
        drauf, promovierte, erwarb die  Stadtgeschichte, aber auch der  Seit 1994 war zunächst für die  dessen Vorsitzender und mach- „Seine  intensiven  Recherchen
        Facultas Docendi und wurde  Gegenwart von Werder (Havel)  CDU im Stadtparlament, wirk- te sich, unterstützt von ehren- zur  Heimatgeschichte  waren
        „nebenbei“ Chef der Lehrplan- wurden und werden darin do- te  am  Regionalbahnanschluss,  amtlichen Mitstreitern und der  und sind mit einem hochen-
        entwicklung.            kumentiert.             der Inselsanierung, der Telefo- Stadtverwaltung, an die Vor- gagierten Wirken für die Ge-
        Baldur Martin galt in den  Die Geschichte mit der Ge- nerschließung, der Wiederbe- bereitung des Jubiläumsjahrs  genwart  seiner  geliebten  Stadt
        1980er-Jahren als eine der Ko- genwart in Beziehung zu brin- lebung des Baumblütenfestes,  2017. Seiner Feder entspran- Werder verknüpft.“
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